Stricken gehört zum Winter wie Glühwein und dicke Socken – das ist zumindest das Klischee. Sobald die Temperaturen steigen, wandern bei vielen die Nadeln in die Schublade und kommen erst im Oktober wieder raus. Schade eigentlich. Denn der Sommer ist nicht nur eine völlig brauchbare Strickzeit, er ist in vielerlei Hinsicht sogar die schönste. Du brauchst nur ein bisschen anderes Garn und ein paar passende Projekte – und plötzlich macht Stricken bei 28 Grad genauso viel Spaß wie am Kamin.
In diesem Artikel geht es nicht um die technischen Details der einzelnen Sommerfasern – die findest du im Artikel über Sommergarne. Hier geht es um die Frage davor: Warum überhaupt im Sommer stricken? Und wie machst du es dir dabei leicht?
Das „Stricken ist Winterkram"-Missverständnis
Der Gedanke, Stricken sei eine reine Winterbeschäftigung, kommt wahrscheinlich daher, dass die meisten an einen dicken Wollpullover denken. Und ja: einen schweren Merino-Pulli im Juli auf dem Schoß zu haben, ist wirklich kein Vergnügen. Das warme Garn klebt an den Händen, das halbfertige Stück liegt wie eine Wärmflasche da.
Aber Stricken ist mehr als Wollpullover. Ein leichtes Sommertop aus Leinen, ein luftiges Seidentuch, ein paar kleine Geschenke – all das entsteht aus Garnen, die sich auch bei Hitze angenehm anfühlen. Sobald du das richtige Material in der Hand hast, verschwindet das ganze Klischee von selbst.
Im Sommer strickst du Dinge, die du sofort trägst
Das ist für viele das überzeugendste Argument. Wer im Winter strickt, produziert vor allem für den nächsten Winter – Pullover, Mützen, dicke Socken landen erst mal im Schrank und warten auf ihren Einsatz. Im Sommer ist das anders: Ein Baumwolltop, das du im Juni anfängst, kannst du im Juli tragen. Diese kurze Strecke zwischen „fertig gestrickt" und „heute an" ist enorm motivierend.
Sommerprojekte sind außerdem oft kleiner und schneller fertig. Statt monatelang an einem Norweger zu sitzen, hast du ein Tuch oder ein leichtes Oberteil in überschaubarer Zeit auf der Nadel. Erfolgserlebnisse häufen sich – und genau die halten beim Stricken bei der Stange.
Leichte Garne machen das Stricken selbst angenehmer
Der eigentliche Unterschied zwischen Sommer- und Winterstricken liegt im Garn. Pflanzliche Fasern wie Baumwolle und Leinen isolieren kaum, sie leiten Körperwärme ab statt sie zu speichern. Leinen ist hier der Spitzenreiter: Die Faser hat eine deutlich höhere Wärmeleitfähigkeit als Baumwolle und nimmt viel Feuchtigkeit auf, ohne sich klamm anzufühlen – deshalb fühlt sich Leinen auf der Haut spürbar kühler an. Das gilt nicht nur für das fertige Stück, sondern auch für das Garn, das beim Stricken in deinen Händen liegt.
Ein paar Garne, mit denen das Sommerstricken Freude macht:
BC Garn Lino ist reines Leinen im Fingering-Gewicht und das kühlste Garn, das wir führen. Anfangs liegt es etwas fest und eigensinnig in der Hand – das ist Charakter, kein Fehler. Mit jeder Wäsche wird es weicher und fließender. Ideal für Tops, leichte Tücher und Taschen, und mit 34 Farben gibt es reichlich Auswahl.
KFO Cotton Merino von Knitting for Olive mischt 70 % Bio-Baumwolle mit 30 % Merino. Die Baumwolle bringt den kühlen Griff, das Merino sorgt für Elastizität und ein schönes Maschenbild – es strickt sich deutlich angenehmer als reine Baumwolle. Ein echtes Ganzjahresgarn, das im Sommer leicht trägt. (Hinweis: KFO Cotton Merino ist non-superwash und wird von Hand gewaschen.)
KFO Pure Silk aus 100 % Bourette-Seide ist temperaturregulierend, mattschimmernd und fällt wunderbar – perfekt für ein sommerliches Tuch mit Drape.
Scheepjes Stone Washed ist robust, maschinenwaschbar und kommt in einer fröhlich-bunten Farbpalette. Gut für alle, die im Sommer leuchtende Farben und ein pflegeleichtes Garn möchten – auch fürs Häkeln.
Mehr über die Eigenschaften der einzelnen Fasern und welches Garn zu welchem Projekt passt, steht ausführlich im Sommergarne-Artikel. Wer es lieber etwas wolliger mag, findet im Beitrag über Baumwoll-Wolle-Mischgarne den Kompromiss zwischen kühl und kuschelig.
Projekte, die im Sommer Spaß machen
Nicht jedes Projekt eignet sich für heiße Tage. Diese hier schon:
Sommertops und leichte Oberteile. Das klassische Sommerprojekt. Auf etwas größeren Nadeln gestrickt als angegeben, wird der Stoff schön offen und luftig. Eine nahtlose Top-down-Konstruktion bedeutet außerdem: kein lästiges Zusammennähen bei Hitze.
Tücher für laue Abende. Ein leichtes Tuch aus Baumwolle oder Seide ist der ideale Sommerbegleiter – kühl genug für den Tag, ein bisschen Wärme für den Abend auf dem Balkon. Wie du Form, Konstruktion und Garn aufeinander abstimmst, steht im Artikel über Tücher stricken.
Taschen und Beutel. Leinen ist formstabil und robust – perfekt für Einkaufsnetze und Strandtaschen, die mit jeder Wäsche nur besser werden.
Kleine Mitnahmeprojekte. Socken (aus geeigneter Sockenwolle), Söckchen, Waschlappen, kleine Geschenke: alles, was leicht und kompakt ist und in die Tasche passt, ist ideal für unterwegs.
Babysachen. Leichte Jäckchen, Deckchen und Mützchen aus weichem Baumwoll-Merino sind im Sommer ein schnelles, dankbares Projekt – und ein schönes Geschenk.
Stricken im Freien: der unterschätzte Luxus
Einer der größten Vorteile des Sommers: Du kannst draußen stricken. Im Park, im Garten, am See, auf dem Balkon. Stricken im Tageslicht ist angenehm für die Augen, und ein kleines Projekt lässt sich überallhin mitnehmen.
Ein paar praktische Gedanken dazu: Helle, glatte Garne wie Baumwolle und Leinen liegen im Schoß deutlich kühler als Wolle und fusseln nicht. Such dir ein schattiges Plätzchen – pralle Sonne ist auf Dauer weder für dich noch für manche Garnfarben gut. Und nimm am besten ein überschaubares Projekt mit, bei dem du nicht alle zwei Minuten in die Anleitung schauen musst. Stricken im Freien ist auch eine Form der Entspannung – wer mag, kann den Beitrag über Stricken als Achtsamkeitspraxis dazu lesen.
Der Sommer ist die beste Zeit, für den Winter vorzustricken
Es gibt noch einen ganz pragmatischen Grund, im Sommer nicht aufzuhören: Wer im Dezember selbstgestrickte Geschenke verschenken möchte, sollte nicht im November anfangen. Der Sommer ist die ruhige, entspannte Zeit, in der Weihnachtsprojekte ganz ohne Druck entstehen.
Und auch der dicke Wollpullover für den Winter will rechtzeitig fertig werden. Wenn du im August anfängst, trägst du ihn beim ersten kalten Tag – statt ihn im März halbfertig wegzulegen. Wollige Garne stricken sich im Hochsommer zwar weniger angenehm, aber für ein, zwei Stunden am kühlen Abend geht das gut. Viele Strickerinnen mischen ohnehin: tagsüber das leichte Sommertop, abends ein paar Reihen am Winterprojekt.
Ein paar Sommer-Tipps zum Schluss
Wenn du im Sommer mit Leinen oder Baumwolle strickst, mach die Maschenprobe unbedingt großzügig und behandle sie wie das fertige Stück: waschen und beim Trocknen unten leicht beschweren. Pflanzenfasern haben kaum Elastizität und „wachsen" beim Tragen oft etwas in die Länge – so erlebst du keine bösen Überraschungen.
Schwitzende Hände? Genau deshalb sind glatte Garne im Sommer angenehmer als griffige Wolle. Und falls Sonnencreme im Spiel ist: kurz die Hände abwischen, bevor du zum hellen Garn greifst. Wie du deine fertigen Sommerstücke pflegst, steht im Pflegeguide fürs Wollewaschen – das meiste gilt sinngemäß auch für Pflanzenfasern.
Stricken ist keine Jahreszeit, es ist eine Gewohnheit. Mit dem richtigen Garn passt es in jeden Monat – und der Sommer hat dabei seinen ganz eigenen Reiz. Stöbere durch unsere Leinengarne, Baumwollgarne und Seidengarne und finde dein nächstes Sommerprojekt.




